
Du liegst angezogen auf einem Futon oder einer Behandlungsliege.
Eine Hand liegt ruhig an deinem Kopf. Eine andere vielleicht am Rücken oder an deinen Füßen.
Es wird nicht geknetet. Niemand versucht, möglichst kräftig einen verspannten Muskel zu bearbeiten. Manchmal scheint von außen betrachtet überhaupt nicht viel zu passieren.
Und dann kommt dieser Moment.
Der Atem wird tiefer. Die Schultern sinken ein wenig. Der Bauch beginnt zu gluckern. Ein tiefer Seufzer. Wärme breitet sich aus. Manche Menschen schlafen beinahe ein.
Andere sagen nach der Behandlung:
„Ich habe meinen Körper plötzlich ganz anders gespürt.“
Solche Reaktionen beobachte ich seit vielen Jahren in meiner Arbeit mit Shiatsu und Craniosacraler Körperarbeit.
Und mich fasziniert immer wieder dieselbe Frage:
Was passiert in unserem Körper, wenn wir berührt werden?
Heute können wir einen Teil davon tatsächlich erklären.
Denn Berührung ist weit mehr als ein mechanischer Reiz auf unserer Haut.
Wichtig: In dieser Serie unterscheide ich bewusst zwischen wissenschaftlich gut belegten Erkenntnissen, plausiblen Erklärungsmodellen und Beobachtungen aus meiner langjährigen Praxis. Gerade bei Shiatsu und Craniosacraler Körperarbeit ist die spezifische Studienlage begrenzter als die allgemeine Forschung zu Berührung.
Deine Haut ist ein Sinnesorgan
Wir denken bei der Haut häufig zuerst an ihre Schutzfunktion. Doch sie ist gleichzeitig ein hochentwickeltes Sinnesorgan.
In ihr befinden sich unterschiedliche Rezeptoren und Nervenendigungen, die auf Druck, Bewegung, Vibration, Dehnung und Temperatur reagieren.
Wenn dich jemand am Arm berührt, entsteht deshalb innerhalb kürzester Zeit ein komplexer Informationsstrom.
Dein Nervensystem registriert: Wo werde ich berührt? Wie stark? Bewegt sich die Berührung? Wie lange dauert sie? Ist sie warm oder kalt?
Doch das ist noch nicht alles.
Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand in der Straßenbahn versehentlich gegen deinen Arm stößt oder ob ein Mensch, dem du vertraust, seine Hand ruhig auf denselben Arm legt.
Mechanisch findet in beiden Fällen eine Berührung statt.
Für dein Nervensystem sind es trotzdem zwei vollkommen unterschiedliche Situationen.
Dein Körper hat unterschiedliche “Leitungen” für Berührung
Besonders spannend ist eine Gruppe von Nervenfasern, mit denen sich die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten intensiver beschäftigt hat: die sogenannten C-taktilen Afferenzen, kurz CT-Fasern.
Viele Nervenfasern besitzen eine isolierende Hülle aus Myelin. Diese Myelinschicht ermöglicht es, elektrische Signale besonders schnell weiterzuleiten.
Solche schnellen Nervenfasern helfen deinem Gehirn beispielsweise dabei, sehr präzise zu erkennen, wo du berührt wirst, wie stark der Druck ist und wie sich die Berührung bewegt.
CT-Fasern sind anders.
Sie besitzen keine Myelinschicht und leiten ihre Signale deshalb wesentlich langsamer. Besonders gut reagieren sie auf langsame, sanfte Berührungen der behaarten Haut – vor allem dann, wenn die Berührung ungefähr Hauttemperatur hat.
Sie werden mit der affektiven Dimension von Berührung in Verbindung gebracht – also damit, wie sich eine Berührung für uns anfühlt und welche emotionale Bedeutung sie bekommt.
Vereinfacht könnte man sagen:
Die schnellen Nervenbahnen helfen uns zu erkennen, wo und wie wir berührt werden. CT-Fasern tragen dazu bei, wie wir diese Berührung erleben.
Ganz so sauber lassen sich diese Systeme im wirklichen Körper allerdings nicht voneinander trennen. Und CT-Fasern sind auch keine simplen „Wohlfühlnerven“.
Aber ihre Entdeckung zeigt uns etwas Entscheidendes:
Berührung besitzt eine körperliche und eine emotionale Dimension.

Berührung endet nicht auf der Haut
Sobald Berührungsreize von der Haut aufgenommen wurden, werden die Informationen über Nervenbahnen weitergeleitet und im Gehirn verarbeitet.
Dabei geht es nicht nur darum festzustellen: Da berührt mich jemand.
Unser Gehirn verbindet Berührung mit anderen Informationen: mit Körperwahrnehmung, Emotionen, Erinnerungen und der jeweiligen Situation.
Deshalb kann dieselbe Berührung vollkommen unterschiedlich erlebt werden.
Eine Hand auf deiner Schulter kann beruhigend sein, wenn sie von einem Menschen kommt, dem du vertraust. In einer anderen Situation oder von einer fremden Person kann dieselbe Berührung unangenehm oder sogar bedrohlich wirken.
Nicht die Berührung allein entscheidet also darüber, wie dein Körper reagiert. Auch Kontext, Beziehung, Erwartung und das Gefühl von Sicherheit spielen eine Rolle.
Interozeption
Wenn Berührung die Wahrnehmung nach innen verändert
Vielleicht kennst du diesen Moment: Du bist den ganzen Tag beschäftigt, funktionierst, erledigst Dinge – und bemerkst erst am Abend, wie angespannt dein Körper eigentlich ist.
Unser Gehirn verarbeitet fortlaufend Signale aus dem Inneren unseres Körpers: Herzschlag, Atmung, Temperatur, Spannung, Verdauung oder das Gefühl von Hunger und Sättigung.
Diese Wahrnehmung innerer Körpersignale wird als Interozeption bezeichnet.
Berührung kann mit dieser inneren Körperwahrnehmung zusammenspielen. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich möglicherweise vom Denken stärker zum Spüren.
Genau das beobachte ich auch während meiner Behandlungen immer wieder.
Plötzlich wird der eigene Atem wahrgenommen. Jemand bemerkt Wärme in den Händen oder Füßen. Der Bauch beginnt hörbar zu arbeiten. Eine Spannung, die vorher gar nicht bewusst war, wird plötzlich spürbar.
Das bedeutet nicht, dass wir aus einer einzelnen Reaktion direkt auf einen bestimmten Zustand des Nervensystems schließen können.
Aber es zeigt etwas sehr Grundsätzliches:
Berührung kann die Aufmerksamkeit zurück in den eigenen Körper bringen.
Nervensystem
Was hat Berührung mit deinem autonomen Nervensystem zu tun?
Dein autonomes Nervensystem reguliert viele Prozesse, über die du nicht ständig bewusst nachdenken musst: Herzschlag, Blutdruck, Atmung, Verdauung, Temperaturregulation und zahlreiche weitere Körperfunktionen.
Vereinfacht gesprochen unterstützt der Sympathikus Situationen, in denen Aktivität und schnelle Anpassung gefragt sind. Der Parasympathikus ist stärker an Ruhe, Verdauung, Regeneration und Erholung beteiligt.
Beide Systeme sind notwendig. Gesundheit bedeutet deshalb nicht, möglichst viel „Parasympathikus“ und möglichst wenig „Sympathikus“ zu haben.
Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit des Organismus, flexibel zwischen Aktivierung und Erholung wechseln zu können.
Angenehme, als sicher erlebte Berührung kann mit Veränderungen autonomer Körperreaktionen einhergehen. In Studien wurden unter anderem Veränderungen von Herzfrequenz, Herzratenvariabilität, Blutdruck und Stressreaktionen untersucht.
Wie unser Körper auf Berührung reagiert, hängt allerdings von vielen Faktoren ab: Wer berührt mich? Wie werde ich berührt? In welchem Kontext geschieht es – und wie erlebe ich diese Berührung selbst?
Deshalb wäre die häufig verwendete Aussage „Berührung aktiviert den Vagus“ zu einfach.
Treffender ist:
Berührung ist ein sensorisches und soziales Signal, das an der Regulation unseres körperlichen Zustands beteiligt sein kann.
Sicherheit & Co-Regulation
Warum Sicherheit wichtiger ist als die „richtige“ Berührung
Berührung wirkt nicht automatisch beruhigend.
Damit dein Körper eine Berührung als angenehm oder unterstützend erleben kann, spielt etwas Entscheidendes mit hinein: Sicherheit.
Dabei geht es nicht nur um die Berührung selbst. Es geht auch um den Menschen, der berührt, um Vertrauen, Einverständnis, Atmosphäre, Tempo und darum, ob du jederzeit das Gefühl hast, selbst bestimmen zu können, was geschieht.
Co-Regulation: Warum der andere Mensch mitwirkt
Unser Nervensystem reagiert nicht nur auf Berührung, sondern auch auf den Menschen, von dem diese Berührung ausgeht.
Stimme, Tempo, Mimik, Körperhaltung, Nähe, Vorhersagbarkeit und die Art des Kontakts liefern ständig Informationen.
In der Forschung werden dafür Begriffe wie soziale Regulation oder Co-Regulation verwendet. Gemeint ist damit, dass Regulation nicht ausschließlich isoliert im einzelnen Menschen stattfindet, sondern auch durch soziale Interaktion mitgestaltet werden kann.
Ein ruhiger, zugewandter Kontakt kann dazu beitragen, dass eine Situation als weniger bedrohlich erlebt wird. Umgekehrt kann selbst eine technisch „richtige“ Berührung unangenehm sein, wenn Vertrauen, Einverständnis oder das Gefühl von Kontrolle fehlen.
Deshalb ist gute Körperarbeit für mich nicht einfach eine Abfolge von Griffen.
Sie ist immer auch Beziehung.
Das bedeutet nicht, dass zwei Nervensysteme sich einfach „synchronisieren“ oder dass eine Therapeutin das Nervensystem eines anderen Menschen von außen reguliert.
Auch der Begriff Co-Regulation wird manchmal stärker verwendet, als es die Forschung zulässt.
Treffender finde ich: Ein anderer Mensch kann Bedingungen mitgestalten, unter denen sich Sicherheit, Ruhe und Körperwahrnehmung leichter entwickeln können.
Regulation bleibt dabei immer ein Prozess des eigenen Organismus.
Körperarbeit
Was bedeutet das für Shiatsu und Craniosacrale Körperarbeit?

Genau hier wird es für meine eigene Arbeit besonders spannend.
Denn während einer Shiatsu- oder Craniosacralbehandlung geschieht vieles gleichzeitig.
Ein Mensch kommt aus seinem Alltag in einen ruhigen Raum. Er legt sich auf den Futon oder – je nach Bedarf – auf eine Behandlungsliege. Er muss für eine Zeit nichts leisten, nichts erklären und nichts „richtig machen“.
Berührung, Druck, Bewegung und Ruhe verändern den sensorischen Input, der aus Haut, Muskeln, Gelenken und Bindegewebe zum Nervensystem gelangt.
Gleichzeitig verändern sich Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung.
Und immer spielt auch die Beziehung mit hinein: Vertrauen, Einverständnis, Tempo, das Gefühl von Sicherheit und die Möglichkeit, jederzeit eine Grenze zu setzen.
Die Forschung kann heute viele dieser einzelnen Bausteine besser erklären als noch vor einigen Jahrzehnten.
Was sie bislang nicht eindeutig beantworten kann, ist die Frage, welche spezifischen Wirkmechanismen bei Shiatsu oder Craniosacraler Körperarbeit welchen Anteil an einer beobachteten Veränderung haben.
Genau deshalb möchte ich hier sauber unterscheiden zwischen dem, was wissenschaftlich gut belegt ist, dem, was plausibel erscheint – und dem, was ich in meiner täglichen Arbeit beobachte.
Was Körperarbeit nicht ist: ein Schalter, mit dem sich das Nervensystem einfach auf „Entspannung“ stellen lässt.
Was sie sein kann: ein Rahmen, in dem Berührung, Körperwahrnehmung, Ruhe, Beziehung und Sicherheit zusammenkommen – und in dem der Organismus Regulation erfahren kann.
Fünf Dinge, die gute Berührung unterstützen
Ob Berührung als angenehm und unterstützend erlebt wird, hängt nicht nur von einer bestimmten Technik ab. Diese fünf Aspekte spielen für mich in der Körperarbeit eine besonders wichtige Rolle.
Einverständnis und Wahlmöglichkeit
Berührung sollte niemals einfach „über jemanden hinweg“ geschehen. Zu wissen, was passiert, Fragen stellen zu können und jederzeit Nein sagen zu dürfen, verändert den Rahmen einer Behandlung wesentlich.
Sicherheit beginnt auch mit dem Gefühl: Ich kann mitbestimmen.
Vorhersagbarkeit
Unser Nervensystem reagiert sensibel auf Überraschungen. Gerade bei Menschen, die Berührung nicht gewohnt sind oder unangenehme Erfahrungen gemacht haben, kann es hilfreich sein, wenn Kontakt ruhig aufgebaut wird und nachvollziehbar bleibt.Nicht jede einzelne Handbewegung muss angekündigt werden. Aber der Mensch sollte sich nicht ausgeliefert fühlen.
Druck und Tempo individuell anpassen
Mehr Druck bedeutet nicht automatisch mehr Wirkung.
Manche Menschen empfinden einen deutlichen, ruhigen Kontakt als angenehm. Andere reagieren besser auf sehr sanfte Berührung. Auch Tagesform, Beschwerden und persönliche Erfahrungen spielen eine Rolle.
Gute Körperarbeit orientiert sich deshalb nicht nur an einer Technik, sondern auch daran, wie der Mensch auf den Kontakt reagiert.
Beziehung und Präsenz
Hände allein erklären nicht, was während einer Behandlung geschieht.
Auch Stimme, Aufmerksamkeit, Ruhe, Vertrauen und die Art, wie zwei Menschen miteinander in Kontakt sind, gestalten die Situation mit.
Genau hier wird der Gedanke der Co-Regulation interessant: Ein anderer Mensch kann Bedingungen mitgestalten, unter denen Ruhe und Körperwahrnehmung leichter möglich werden.
Zeit zum Nachspüren
Eine Behandlung endet für mich nicht in dem Moment, in dem die Hände den Kontakt lösen.
Manchmal braucht der Körper einen Augenblick, um wahrzunehmen, was sich verändert hat: Wie fühlt sich die Atmung an? Gibt es Bereiche, die wärmer oder leichter wirken? Hat sich die Spannung verändert?
Dabei geht es nicht darum, unbedingt etwas Besonderes spüren zu müssen.
Auch „Ich merke gerade nichts“ ist eine vollkommen gültige Wahrnehmung.
Einordnung
Was wir wissen. Was plausibel ist. Was ich beobachte.
Gerade bei Körperarbeit ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig: Was ist wissenschaftlich gut untersucht? Was lässt sich aus dem heutigen Wissen plausibel erklären? Und was beobachte ich selbst in meiner täglichen Arbeit? Diese Ebenen dürfen nebeneinanderstehen – solange wir sie nicht miteinander verwechseln.
Was wir wissen
Berührung wird über spezialisierte Rezeptoren und Nervenfasern aufgenommen und im Nervensystem verarbeitet.
Dabei geht es nicht nur um Ort, Druck und Bewegung. Berührung wird mit Körperwahrnehmung, emotionaler Bewertung und sozialem Kontext verbunden.
Berührungsinterventionen können außerdem mit messbaren Veränderungen körperlicher und psychischer Parameter einhergehen. In Studien wurden beispielsweise Schmerz, Angst, Stressreaktionen, Herzfrequenz und Herzratenvariabilität untersucht.
Ebenso wichtig ist: Nicht jede Berührung beruhigt jeden Menschen. Kontext, Beziehung, Erwartung und individuelle Erfahrung beeinflussen, wie Berührung verarbeitet wird.
Was plausibel ist
Bei Shiatsu und Craniosacraler Körperarbeit kommen mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen: Berührung, Druck, Bewegung, Propriozeption, Interozeption, Aufmerksamkeit, Ruhe und zwischenmenschlicher Kontakt.
Es ist deshalb plausibel, dass Veränderungen, die Menschen während oder nach einer Behandlung wahrnehmen, nicht auf einen einzigen Mechanismus zurückzuführen sind, sondern aus dem Zusammenspiel verschiedener körperlicher und kontextueller Prozesse entstehen.
Welche Rolle jeder einzelne dieser Faktoren genau spielt, ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend geklärt.
Was ich beobachte
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder Menschen, die zu Beginn einer Behandlung noch sehr „im Außen“ sind.
Sie erzählen schnell, der Atem ist eher flach, der Körper hält Spannung. Manche haben zunächst Schwierigkeiten, überhaupt wahrzunehmen, was sie gerade spüren.
Im Laufe einer Behandlung verändert sich häufig etwas: Der Atem wird ruhiger oder tiefer. Muskelspannung lässt nach. Es entstehen spontane Seufzer oder Schluckbewegungen. Der Bauch beginnt zu gluckern. Manche Menschen werden schläfrig.
Andere erzählen mir anschließend, dass sie ihren Körper deutlicher wahrnehmen oder sich einfach „mehr bei sich“ fühlen.
Das sind Beobachtungen – keine Beweise für einen bestimmten Wirkmechanismus. Aber sie sind für meine praktische Arbeit relevant.
Und sie sind für mich seit vielen Jahren ein Grund, genauer verstehen zu wollen, was Berührung im Körper auslösen kann.
Berührung & Grenzen
Nähe braucht nicht mehr Haut
Wenn wir über Berührung sprechen, denken viele zuerst an Massage – und damit oft auch daran, sich auszuziehen.
Bei Shiatsu und Craniosacraler Körperarbeit ist das anders. Die Behandlung findet in der Regel bekleidet statt.
Das klingt zunächst wie ein nebensächlicher Unterschied. Für manche Menschen ist es aber ein entscheidender.
Denn Berührung kann nur dann hilfreich sein, wenn sie sich stimmig anfühlt. Dazu gehört auch, dass du dich nicht überwinden musst, mehr von deinem Körper zu zeigen, als sich für dich richtig anfühlt.
Gerade Menschen, die sich in ihrem Körper unsicher fühlen, Schmerzen haben, sich für ihren Körper schämen oder Berührung nicht mehr gewohnt sind, erleben das Ausziehen manchmal als zusätzliche Hürde.
Auch im Alter kann sich das verändern. Manche Menschen erleben im Alltag nur noch wenig körperliche Nähe und sehnen sich gleichzeitig nach Kontakt – ohne sich für eine klassische Massage entkleiden zu wollen.
Bekleidete Körperarbeit kann hier eine andere Form von Nähe ermöglichen: mit klaren Grenzen, ohne Entblößung und ohne dass der Mensch die Kontrolle über die Situation abgeben muss.
Das bedeutet nicht, dass bekleidete Berührung automatisch angenehmer ist oder dass sie für jeden Menschen passt.
Entscheidend bleibt immer die individuelle Wahrnehmung.
Manche Menschen mögen deutlichen Druck, andere sehr sanften Kontakt. Manche können gut entspannen, wenn sie still liegen. Andere brauchen zunächst mehr Gespräch, Bewegung oder Zeit.
Gute Körperarbeit bedeutet deshalb für mich auch, nicht nur den Körper zu berühren, sondern die Grenzen des Menschen mitzudenken.
Nähe entsteht nicht dadurch, dass mehr Haut sichtbar wird. Sie entsteht dort, wo Berührung als sicher, respektvoll und stimmig erlebt werden kann.
Menschliche Begegnung
Was Berührung in einer digitalen Welt bedeutet
Vielleicht beschäftigt mich das Thema Berührung auch deshalb so sehr, weil unser Alltag immer digitaler wird.
Wir schreiben Nachrichten statt zu telefonieren. Wir führen Videogespräche. Wir arbeiten vor Bildschirmen. Künstliche Intelligenz kann mit uns sprechen, Texte schreiben, Informationen ordnen und uns in immer mehr Bereichen unterstützen.
Ich selbst nutze diese Möglichkeiten gerne.
Aber eines können digitale Systeme nicht übertragen:
körperliche Berührung.
Eine Hand halten.
Eine Umarmung.
Eine Hand auf der Schulter.
Oder die Erfahrung, während einer Körperbehandlung für eine Zeit nichts erklären, leisten oder optimieren zu müssen.
Sondern einfach wahrzunehmen.
Vielleicht müssen wir Berührung deshalb gar nicht mystifizieren.
Vielleicht sollten wir vielmehr wieder verstehen, wie grundlegend sie zum menschlichen Erleben gehört.
Genau darum geht es in dieser neuen Serie im Vital Reset Journal:
Was Berührung im Körper verändert.
In den kommenden Beiträgen schauen wir genauer darauf:
Was geschieht bei Berührung mit Stress und Schmerz?
Welche Rolle spielen Oxytocin und Cortisol wirklich?
Was wissen wir über Vagusnerv und autonomes Nervensystem?
Warum wirkt Berührung bei manchen Menschen beruhigend und bei anderen nicht?
Und was können traditionelle Formen der Körperarbeit wie Shiatsu und Cranio zu diesem Thema beitragen – und wo endet unser heutiges wissenschaftliches Wissen?
Nicht um Heilsversprechen.
Nicht um den nächsten „Vagus-Hack“.
Sondern um den menschlichen Körper.
Und darum, was geschehen kann, wenn wir ihn wieder wahrnehmen.
Körperarbeit erleben
Manchmal beginnt Verstehen mit Spüren.
Du möchtest erfahren, wie sich ruhige, achtsame Körperarbeit für dich anfühlt?
In meinen Behandlungen verbinde ich Shiatsu und Craniosacrale Körperarbeit – individuell abgestimmt auf dich und das, was dein Körper gerade braucht.
Die Behandlung findet bekleidet statt und lässt Raum für Ruhe, Wahrnehmung und Regeneration.
Wissenschaft & Quellen
Quellen & Weiterlesen
Packheiser J., Hartmann H., Fredriksen K. et al. (2024)
A systematic review and multivariate meta-analysis of the physical and mental health benefits of touch interventions.
Nature Human Behaviour, 8, 1088–1107.
Schirmer A., Croy I., Ackerley R. (2023)
What are C-tactile afferents and how do they relate to “affective touch”?
Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 151, 105236.
Björnsdotter M., Morrison I., Olausson H. (2010)
Feeling good: on the role of C fiber mediated touch in interoception.
Experimental Brain Research, 207, 149–155.
Hinweis zur Einordnung: Die Forschung zu Berührung allgemein ist deutlich umfangreicher als die spezifische Evidenz zu Shiatsu und Craniosacraler Körperarbeit. Wo ich in diesem Artikel Wirkzusammenhänge beschreibe, unterscheide ich deshalb bewusst zwischen wissenschaftlich gut belegten Erkenntnissen, plausiblen Erklärungsmodellen und Beobachtungen aus meiner eigenen Praxis.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine andere entsprechend qualifizierte Fachperson.
