
Eine Klientin liegt auf der Behandlungsliege. Nach einigen ruhigen Minuten frage ich:
„Was spürst du gerade?“
Es bleibt einen Moment still.
Dann sagt sie etwas später:
„Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich spüre.“
Dieser Satz fällt in meiner Praxis nicht selten. Und er bedeutet nicht, dass jemand den Kontakt zum eigenen Körper verloren hat. Oft bedeutet er zunächst nur: Im Alltag war anderes wichtiger.
Termine. Gespräche. Entscheidungen. Nachrichten. Die nächste Aufgabe.
Der Körper war die ganze Zeit da. Nur nicht unbedingt im Vordergrund.
Wie kann es sein, dass wir jeden Tag in unserem Körper leben und gleichzeitig so wenig von ihm bemerken?
Im Alltag
Wenn der Körper erst auffällt, wenn er laut wird
Viele Menschen sind sehr geübt darin, zu funktionieren. Sie denken voraus, organisieren, reagieren und halten Abläufe zusammen. Ihre Aufmerksamkeit ist dabei vor allem nach außen gerichtet:
Was ist als Nächstes zu tun?
Wer braucht etwas?
Was darf ich nicht vergessen?
Das ist keine Schwäche. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Was im Moment wichtiger erscheint, rückt nach vorn. Vieles andere bleibt im Hintergrund.
So wird der Körper häufig erst dann deutlich, wenn ein Signal stärker wird:
Der Nacken zieht. Der Bauch drückt. Das Herz klopft. Der Schlaf wird unruhig.
Vielleicht ist da Erschöpfung, eine flache Atmung oder das Gefühl, innerlich nicht zur Ruhe zu kommen.
Doch der Körper beginnt nicht erst in diesem Moment zu senden. Er sendet fortlaufend Informationen.
Nur wird nicht jede davon bewusst.
Kurz erklärt
Interozeption: die Wahrnehmung von innen
Für einen Teil dieser inneren Informationsverarbeitung gibt es einen Fachbegriff: Interozeption.
Gemeint ist, vereinfacht gesagt, wie das Nervensystem Signale aus dem Körperinneren erfasst, verarbeitet und einordnet. Dazu gehören Informationen aus verschiedenen körperlichen Systemen – zum Beispiel über Herzschlag, Atmung, Temperatur, Hunger und Sättigung, Verdauung, Müdigkeit oder körperliche Aktivierung.
Manches davon kannst du bewusst spüren. Vieles wird verarbeitet, ohne dass du darüber nachdenkst.
Das ist wichtig: Interozeption ist nicht nur das bewusste Hineinfühlen. Dein Gehirn erhält fortlaufend Informationen über den Zustand des Körpers und stimmt körperliche Prozesse und Verhalten daran mit ab. Erst ein Teil davon wird zu einem bewussten Empfinden:
„Ich bin hungrig.“
„Mein Herz schlägt schneller.“
„Ich brauche eine Pause.“
Auch das, was wir bewusst wahrnehmen, ist nicht bei allen Menschen und nicht an jedem Tag gleich. Ein Signal kann sehr deutlich sein, kaum auffallen oder schwer einzuordnen sein. Wahrnehmen, Benennen und richtig Einschätzen sind zudem nicht dasselbe.
Interozeption ist deshalb auch nicht einfach ein anderes Wort für „Bauchgefühl“. Ein Bauchgefühl kann aus Körpersignalen, Erfahrungen, Erwartungen und der aktuellen Situation entstehen. Interozeption beschreibt genauer den Anteil, der mit dem Erfassen und Verarbeiten innerer körperlicher Signale zu tun hat.
Weiterlesen
Auf der Website liest du weiter: Welche Arten von Körperwahrnehmung wir unterscheiden können, warum Berührung einen Körperbereich plötzlich deutlicher werden lässt – und weshalb ein Körpergefühl noch keine Diagnose ist.
Gut zu Unterscheiden
Nicht jedes Körpergefühl ist Interozeption
Wenn du spürst, wo dein Arm liegt oder wie sich dein Gewicht auf beide Füße verteilt, sprechen Fachleute vor allem von Propriozeption. Sie informiert über Stellung und Bewegung des Körpers.
Wenn deine Haut Druck, Wärme, Kälte oder eine Berührung registriert, geht es zunächst um somatosensorische beziehungsweise äußere Berührungswahrnehmung.
Und wenn du deinen Herzschlag, Atemdrang, Hunger oder innere Aktivierung bemerkst, ist Interozeption beteiligt.
Im Erleben lassen sich diese Bereiche nicht immer sauber voneinander trennen. Bei einer Hand auf dem Brustkorb kannst du den Druck auf der Haut spüren, die Bewegung der Rippen wahrnehmen und gleichzeitig auf die Atmung aufmerksam werden. Verschiedene Informationen treffen zusammen.
Genau hier wird Berührung für die Körperwahrnehmung interessant.
Berührung verstehen
Was Berührung damit zu tun hat
Berührung liefert dem Nervensystem zusätzliche sensorische Information.
Mechanorezeptoren in der Haut reagieren unter anderem auf Druck, Dehnung, Bewegung und Vibration. Unterschiedliche Nervenfasern leiten diese Informationen weiter. Schnell leitende Fasern tragen besonders dazu bei, Ort, Stärke und zeitlichen Verlauf einer Berührung zu unterscheiden.
Daneben gibt es sogenannte CT-Afferenzen. Diese langsam leitenden Fasern reagieren in Laboruntersuchungen besonders auf sanfte, langsame, bewegte Berührung, vor allem an behaarter Haut. Ihre Aktivität wird häufig mit der gefühlsbezogenen Seite von Berührung in Verbindung gebracht.
Das ist ein spannender Teil der Berührungsforschung. Aber er erklärt nicht „die Wirkung“ von Shiatsu oder craniosacraler Körperarbeit. Und er bedeutet auch nicht, dass eine bestimmte Geschwindigkeit der Berührung automatisch angenehm oder regulierend ist. Wie Berührung erlebt wird, entsteht nicht aus einer einzelnen Nervenfaser. Der gesamte Kontext spielt mit hinein.
Für diesen Artikel ist etwas anderes entscheidend: Durch Berührung kann ein Körperbereich in der aktuellen Wahrnehmung deutlicher hervortreten.
Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit verändert, was du bemerkst
Dein Nervensystem verarbeitet ständig mehr Information, als dir bewusst werden kann. Aufmerksamkeit hilft auszuwählen, was gerade in den Vordergrund tritt.
Wenn ein Bereich berührt wird, kann sich die Aufmerksamkeit dorthin orientieren.
Vielleicht bemerkst du zuerst den Druck der Hand.
Dann fällt dir auf, dass die rechte Seite wärmer ist als die linke.
Du spürst ein Pulsieren, eine Atembewegung unter den Rippen oder eine Spannung, die vorher nicht bewusst war.
Manchmal wird eine Empfindung während der Berührung deutlicher. Manchmal erst danach, wenn der Kontakt wieder weg ist. Und manchmal bleibt ein Bereich weiterhin unauffällig.
Keine dieser Reaktionen ist automatisch besser oder richtiger.
Wichtig ist mir dabei:
Ein Körpergefühl ist zunächst eine Wahrnehmung – keine Diagnose.
Wärme bedeutet nicht zwangsläufig Entspannung. Ein Ziehen verrät nicht eindeutig seine Ursache. Und wenn sich eine Körperseite anders anfühlt als die andere, muss daraus nicht sofort eine Geschichte entstehen.
Oft ist es hilfreicher, zunächst bei der Beschreibung zu bleiben:
warm oder kühl.
weich oder fest.
ruhig oder bewegt.
deutlich oder kaum wahrnehmbar.
rechts anders als links.
So entsteht Differenzierung, ohne dass jede Empfindung erklärt werden muss.
Aus meiner Praxis
Was ich in meiner Praxis beobachte
In Shiatsu und in der craniosacralen Körperarbeit erlebe ich immer wieder, dass Menschen während einer ruhigen Behandlung Unterschiede bemerken, die vorher nicht im Vordergrund standen.
Dann sagt jemand zum Beispiel:
„Jetzt merke ich erst, wie angespannt ich eigentlich war.“
Oder:
„Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich dort so festhalte.“
Manchmal wird die Atmung deutlicher wahrgenommen. Manchmal verändert sich das Gefühl für die Auflagefläche auf der Liege. Eine Schulter wirkt plötzlich schwerer, der Bauch lebendiger, eine Körperseite präsenter als die andere.
Das sind Beobachtungen aus meiner Praxis. Sie sind kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass Shiatsu oder craniosacrale Körperarbeit Interozeption „trainieren“ oder das Nervensystem auf eine bestimmte Weise regulieren.
Was ich beschreiben kann, ist der Rahmen: Für eine Zeit gibt es weniger Anforderungen von außen. Die Aufmerksamkeit darf beim Körper bleiben. Berührung liefert zusätzliche Information. Und dadurch können Unterschiede bemerkbar werden.
Ob daraus Ruhe entsteht, Irritation, Neugier oder zunächst gar nichts Besonderes, ist individuell.
Regulation
Wahrnehmen ist nicht dasselbe wie Entspannen
Der Satz „Regulation beginnt beim Wahrnehmen“ bringt etwas Wichtiges auf den Punkt – und ist zugleich zu absolut.
Denn dein Körper reguliert vieles, ohne dass du es bewusst wahrnimmst. Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung, Temperatur und Atmung werden fortlaufend angepasst. Bewusstes Spüren ist dafür nicht immer der Anfang.
Trotzdem kann Wahrnehmung für die bewusste Regulation bedeutsam sein.
Wenn du eine Veränderung früher bemerkst, entsteht möglicherweise mehr Wahlmöglichkeit. Du kannst erkennen:
Mein Atem wird flacher.
Meine Schultern ziehen nach oben.
Mein Bauch wird unruhig.
Ich werde müde.
Vielleicht brauchst du Bewegung, Ruhe, Abstand, Essen oder Unterstützung.
Das Wahrnehmen löst nicht automatisch das Problem. Aber ohne eine wahrnehmbare Veränderung ist es schwerer, bewusst darauf zu reagieren.
Darum würde ich es so formulieren:
Regulation beginnt nicht immer mit Entspannung. Oft beginnt sie damit, dass eine Veränderung überhaupt wahrnehmbar wird.
Berührung kann dabei eine Möglichkeit sein. Nicht die einzige. Und nicht für jeden Menschen in jedem Moment die passende.
Zum Mitnehmen
Du musst nicht mehr spüren. Du darfst genauer unterscheiden.
Körperwahrnehmung ist kein Wettbewerb. Es geht nicht darum, möglichst viele Empfindungen zu finden oder jedes Signal sofort deuten zu können.
Vielleicht ist der erste Schritt viel schlichter:
zu bemerken, dass etwas da ist.
zu bemerken, dass sich etwas verändert hat.
zu bemerken, dass zwei Seiten sich gerade unterschiedlich anfühlen.
Der Körper arbeitet nicht in Einzelteilen. Atmung, Muskeltonus, Verdauung, Aktivierung, Müdigkeit und Aufmerksamkeit beeinflussen sich gegenseitig. Wir müssen dieses ganze Netzwerk nicht in jedem Moment verstehen, um ihm zuzuhören.
Manchmal beginnt der Kontakt zum eigenen Körper mit einer großen Erkenntnis.
Oft beginnt er mit einem kleinen Unterschied.
Wissenschaft & Quellen
Wissenschaftliche Grundlagen und Quellen
Die Forschung beschreibt Interozeption als mehrdimensionalen Prozess, der das Erfassen, Verarbeiten und Integrieren innerer Körpersignale auf bewussten und unbewussten Ebenen umfasst. Aufmerksamkeit, subjektive Einschätzung und messbare Genauigkeit sind dabei nicht dasselbe.
Berührung ist zunächst somatosensorische Information. Dass sie Aufmerksamkeit auf einen Körperbereich lenken und Wahrnehmung verändern kann, ist neurophysiologisch nachvollziehbar. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Berührung die Interozeption verbessert oder automatisch das autonome Nervensystem reguliert.
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Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden, zunehmenden oder unklaren Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine entsprechend qualifizierte Fachperson.
